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Landwirtschaftskammer: neutral, kompetent und kundenorientiert?

Mittwoch, den 4. Juli 2007 von RealChemie

Eine Landwirtschaftskammer soll als Körperschaft des öffentlichen Rechts um das Wohl der Landwirtschaft und ihrer Beschäftigten bemüht sein. Das Motto „Wir betreuen, beraten und fördern“ ist Programm. Natürlich auch und gerade bei Veranstaltungen im Bereich Pflanzenschutz zur Beantwortung der Frage “Die gute fachliche Praxis, worauf hat der Landwirt zu achten?”

Mit diesem für Außenstehende recht merkwürdig klingenden Titel sind Grundsätze gemeint, die gemäß dem Pflanzenschutzgesetz im Umgang und der Anwendung von Pflanzenschutzmitteln als „gute fachliche Praxis“ angewendet werden sollen. Das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz hat diese Grundsätze im Originaltext und in einer Broschüre veröffentlicht.
Wer je versucht hat, den Originaltext zu lesen und zu verstehen, dem wird schnell klar, warum Landwirtschaftskammern diese „gute fachliche Praxis“ und das daraus abgeleitete „korrekte bäuerliche Verhalten“ den Landwirten aus dem Amtschinesischen in Deutsche übersetzen und erläutern müssen.

Gerade Landwirte haben eigentlich ganz andere Sorgen, als mit Vorschriften für „korrektes bäuerliches Verhalten“ indoktriniert zu werden. Landwirte in der ganzen Welt interessiert eigentlich in erster Linie, landwirtschaftliche Produkte in bester Qualität zu erzeugen und dafür beste Preise zu erzielen. Landwirte haben aber auch gelernt, dass sie mit dieser Absicht ständig zwischen irgendwelche Parteien geraten, irgendwie immer mit einem Bein in irgendeiner Schlinge gefangen sind und deshalb an solchen Veranstaltungen teilnehmen müssen.

Die Pflanzenschutzberatung der Landwirtschaftskammer ist im staatlichen Auftrag und nach eigenem Bekunden neutral – kompetent – kundenorientiert. Das hatten wir natürlich genau so erwartet, als Mitglieder unseres RealChemie-Teams Anfang diesen Jahres voller Interesse an einer solchen Veranstaltung teilnahmen. Wir wollten einmal sehen und hören, wie die Mitarbeiter des Pflanzenschutzamtes dieses komplexe Thema aufbreiten und dem Publikum transportieren.

Den Anwesenden wurde von der Referentin mit vielen Folien und Overheadprojektionen sehr ausführlich erklärt, worauf es beim Pflanzenschutz ankommt. Ihre Hinweise, dass die Landwirte bei der Verwendung von Pflanzenschutzmitteln aus Parallelimporten sehr vorsichtig sein müssten, machten uns hellhörig. War dies nicht eine mehrfach als sachlich falsch widerlegte Behauptung der Chemie-Industrie? Sollte es möglich sein, dass eine leitende Mitarbeiterin der Landwirtschaftskammer über die Richtigstellungen und die geltenden Gesetze zu Parallelimporten nicht informiert war?

„Das Problem bei diesen Parallelimporten ist oftmals die stoffliche Identität und das Vorhandensein von Fälschungen“, sagte sie, verwies auf die öffentlich zugängliche Liste der von der Behörde mit sog. PI-Nummern offiziell zugelassenen Produkte und begann eine Lobeshymne auf die im Pflanzenschutz forschende deutsche Industrie. Was wir anfänglich als zwar hinsichtlich der Neutralität kritikwürdigen Stil aber dennoch durchaus verständliche Meinungsäußerung betrachteten, entwickelte sich dann schnell in eine ganz andere Richtung. Sie zeigte „nun ein paar Fotos von der Firma Syngenta“ und erläuterte, das die forschende Industrie sehr allergisch gegen Parallelimporte sei. Ihre Ausführung „Hier ’mal ein Beispiel, was eine Produktfälschung angeht“, wurde von einer Reihe Folien begleitet, worauf u.a. neben „Copyright Fa. Syngenta“ zu lesen war „Beispiel für Produktfälschung“, und „Importeur: Realchemie B.V., Eindhoven“.

Das also verstand die liebe Frau Doktor des Agraringenieurwesens unter „neutral – kompetent – kundenorientiert“! Eine leitende Mitarbeiterin einer Landwirtschaftskammer praktiziert als Sprachrohr eines Chemie-Konzerns gezielt deren Desinformation! Eine Staatsdienerin, die zumindest fahrlässig, wenn nicht gar vorsätzlich die Unwahrheit sagt. Denn eigentlich hätte sie wissen und weitergeben müssen, dass ein parallel importiertes Produkt nicht alleine deshalb eine Fälschung ist, weil ein Konkurrent dies behauptet, dessen fast doppelt so teures Produkt sich seit dem Angebot des Parallelimports nicht mehr gut verkauft. Ihre Pflicht und konsequent wäre es außerdem gewesen, wenn sie als Vertreterin unseres Rechtstaates in Kenntnis dieses angeblichen Gesetzesverstoßes eine eigene Prüfung oder Rechtsverfolgungen initiiert hätte. Was natürlich mit viel Arbeit und immensem Papierkram und langwierigen Behördengängen verbunden gewesen wäre. Weshalb sie wohl darauf verzichtet und es vorgezogen hat, Vorverdautes nachzukauen?

Einen Irrtum oder einen einmaligen Ausrutscher hätten wir ja noch hingenommen, aber Frau Doktor hielt nicht inne und fuhr damit fort, weitere Realchemie-Produkte vor dem Publikum mit Syngenta-Vorlagen als Fälschungen zu bezeichnen. Zum Beispiel mit diesem Originaltext „Die Kollegen von der Syngenta, da lief das als Film, da war das noch eindrucksvoller. Hier sieht man aber jetzt vielleicht doch schon ’mal, hier vorne, das ist das Produkt, der Parallelimport oder was ein Parallelimport sein sollte, isses aber letztendlich nich’. Es ist ne Fälschung und hier ist das Syngenta-Mittel. Man sieht also schon, dass hier so’n bisschen was abgesetzt ist, der Wirkstoff hier unten hat sich abgesetzt und hat sich getrennt, diese beiden Komponenten. Hier das Syngenta-Mittel, das sieht also völlig anders aus.“

Die leitende Frau Doktor des Agraringenieurwesens der Landwirtschaftskammer lehrt somit den Landwirten als „gute fachliche Praxis“, dass Pflanzenschutzmittel in ungeschüttelten Behältern trotz behördlicher Zulassung gefälschte Parallelimporte von Realchemie sind, weil Kollegen von Syngenta das im Film und auf Folie so dokumentiert haben. Na denn! Ob das der Gesetzgeber und die Aufsichtsbehörde der Landwirtschaftskammern je so beabsichtigt haben?

Noch Fragen zu Neutralität, Kompetenz oder Kundenorientierung von Landwirtschaftskammern? Kommentare sind herzlich willkommen. Weitere Beispiele für Subjektivität, Inkompetenz und Eigennützigkeit von Körperschaften des öffentlichen Rechts natürlich auch!

Ihr RealChemie-Team